Jedem das Seine

Neustrelitz. – Heute ist der Nebel weg. Endlich Sonnenlicht für eine “Stadtführung”. Meine Gastgeber wohnen in einer kleinen vormaligen Ferienwohnung in der ehemaligen Schule von Wanzka, die später auch Postamt war. Die holprige Dorfstraße des 300-Seelen-Örtchens im Nirgendwo führt, lässt man die Scheune des Kulturvereins (12 Mitglieder, immerhin – das enstpräche in Aachen 10.000!) links liegen, geradewegs auf Kloster Wanzka zu. Vorher wird man auf der rechten Seite noch eines grauen Schuppens gewahr, unter dessen Wellblechdach die Dorfkneipe ein tristes, gästeausbleibendes Dasein fristet. Im Klosterhof sind die Urnengräber unter dem markanten Steinkreuz frisch geschmückt, ein Herr und sein Besuch rechen Laub vom Familiengrab. Totensonntag. Aus der über siebenhundert Jahre alten Klosterkirche Gesang. Eine Dame, von der ich erfahre, dass sie in Wanzka und Berlin lebt – ich mach im Geist direkt “Wanzlin” daraus -, lädt uns, während wir den Ausgang passieren, in ihren Garten ein. Die große Rasenfläche hinter dem Haus fällt in geschwungenen Stufen zum gleißenden See hin ab, wo sie mit einem eigenen Steg (!) ihren Abschluss findet. Wir befinden uns an einem Seitenarm des Wanzkaer Sees, wie die gesamte Seenplatte ein Relikt der letzten Eiszeit. Den Hauptsee erreichen wir über eine Wiese, die Freibad und Freilichtbühne in einem ist. Etwas weiter die Anlegestelle des Ruderboots, das zur Mietwohnung meiner Gastgeber gehört. Weite Wasserwanderungen, wie in Mecklenburg beliebt, sind von hier aus wegen fehlender Seeverbindungen nicht möglich – Touristen verirren sich selten hierher; das verschärft den Abgeschiedenheitsfaktor von Wanzka noch einmal!

Nachmittags Neustrelitz. Das Stadtzentrum wirkt wie eine Kulisse im Phantasialand. Ist es auch in gewisser Weise: Im 18. Jahrhundert ließ Herzog Adolf Friedrich III. unweit seines neuen Schlosses eine Siedlung für Verwaltungsgebäude und Hofbedienstete am Reißbrett planen und errichten. Um den großen zentralen Platz herum acht polygonal ausgerichtete Ausfallsträßchen, die damals im Nichts des Morasts endeten. Vom Grundriss her also ähnlich wie Glückstadt, doch dort hatte die Planung tatsächlich verteidigungsstrategischen Sinn. Hier hingegen dienten die im Verhältnis zum Platz und zur überproportional wuchtigen Stadtkirche hilflos wirkenden niedrigen Stadthäuser als Potemkinsches Dorf, das den Blick auf den umliegenden Sumpf verstellt. Heute fungieren sie – nach der Wende schön und mit einem Hang zum Mondänen herausgeputzt – als Bühnenbild der Neustrelitzer Beschaulichkeit. Ein bisschen trügerisch auch die Vorderseite der neugotischen Schlosskirche: Zwei an Minarette erinnernde schmal-hohe Türme, und viel Blendmaßwerk am Portal der Westfassade lassen die Kapelle dahinter deutlich größer erscheinen als sie ist. Ein kurzer Abstecher zum Hafen – die “Getreidewirtschaft” wäre bestimmt ein tolles Off-Theater – beschließt den Stadtrundgang, ehe es zum – sehr ambitionierten! – Landestheater geht.

 ”Jedem das Seine” – deutsche Erstaufführung des Volksstücks von Silke Hassler und Peter Turrini – beeindruckt sehr. Die Autoren dazu: “Das Stück beschäftigt sich mit einem weithin verdrängten Kapitel österreichischer Geschichte: den Todesmärschen von Juden durch die österreichische Provinz im Frühjar 1945. Diese Todesmärsche waren begleitet von größter Brutalität seitens der bäuerlichen Bevölkerung gegenüber den Juden und vom Gegenteil: Es gibt Zeugnisse größter Hilfsbereitschaft.” Sieben ungarische Juden starten – eingesperrt in einer Scheune – den Versuch, der Welt, die sie töten will, zu entkommen. Aus der Scheune wird eine Operettenbühne – “Wiener Blut”. Eine Traumwelt zwischen Angst, Kunst und Passionsspiel gegen den Alptraum der Realität und ein irrwitziger Versuch zu überleben. Das Stück erinnert mich an unsere szenische Lesung von “Tagebuch der Anne Frank” 2001 im Theater 99 und in der Klangbrücke. Peter van Daan, den ich las, erlebte auch das Eingepferchtsein, das Warten, die Ungewissheit, die Angst, aber auch das Verliebtsein, die irrwitzige “Normalität” im Hinterhaus, die religiösen Feste, die helfenden Menschen, die Hoffnung auf Rettung nach dem D-Day. Letztere blieb dann jedoch Traum – ganz wie in “Jedem das Seine”. Waren es bei uns ein paar Koffer, Sandsäcke und eine Treppe vor schwarzem Hintergrund, bildet bei “Jedem das Seine” ein aufwendig-perfektes Bühnenbild  den Rahmen: schräge Spielebene, eingelassene Verstecklöcher und schwarz-polierte Oberfläche, die das Taschenlampenlicht im Dunst effektvoll reflektiert (Einfallwinkel = Ausfallwinkel).  Und das Schauspiel spiegelt verklemmt-beklemmend das Desaster – die sehr reduzierte Spielweise wird inszenatorische Absicht gewesen sein, verstört mich jedoch ein bisschen. Hier hätte ich mir mehr Einblick in die persönlichen Schicksale gewünscht. Dennoch: ein hervorragender Text, den ich mir für meine zukünftigen Regieüberlegungen bald besorgen werde…!

Zurück in Wanzka, erwartet mich ein opulenter kulinarischer Abschluss: Drei-Gänge-Menü, Käseplatte und Vino! Vielen Dank, Rita und Lambert, für eure perfekte Gastfreundschaft. Hiermit lade ich euch zur zumindest lukullischen Revanche ins Le St. Jacques ein, wenn ihr mal wieder in Aachen seid!

Wie weit ist es bis zum Leuchtturm?

Fischland-Darß. – Eine Szene fast wie bei Doktor Schiwago, als er durch den sibirischen Winter umherirrt: Vom Wind gebeugte Bäume im linken, die Brandung der Ostsee im rechten Auge. Vor uns ein schier endloser, leicht zur Meerseite geneigter, menschenleerer Sandstrand. Sein horizontales Ende im Novembernebel verschwindend. Vier Füße stapfen schwer durch den tiefen Sand und den schlammigen Streifen, der die Grenze von Land und Meer ständig neu zieht; das Becken schmerzt ob der schiefen Ebene. Die Brille beschlagen. Ab und an eine aus dem Dunst erwachsende entgegenkommende Menschengruppe: “Wie weit ist es noch bis zum Leuchtturm?”, fragen sie. – “Wohl mehr als eine Stunde”, antworten wir. – “Hat die Gaststätte geöffnet?” – “Welche Gaststätte? Wir haben keine gesehen.” – “Da muss aber eine sein, muss.” – “Wie gesagt, keine gesehen. Und nach Ahrenshoop? Wisst ihr, wie weit das ist?” – “Nein, wir kommen von Drei Eichen, das ist eine Stunde. Bis Ahrenshoop dürften es in unserem Tempo so zweieinhalb Stunden sein.” Ohne Abschied gehen alle in die Richtung, aus der die anderen kommen.

Das Klingeln des Handys meiner Weggefährtin – lustigerweise die einstige Klassenlehrerin meines heutigen Kompagnons – reißt mich endlich aus dem Film. Aus der Hörmuschel knarzt die Stimme ihres Mannes: “Wo seid ihr?” – “Am Meer. Das wird noch was dauern, bis wir da sind. Okay, komm einfach nach Ahrenshoop und warte da.” Wir setzen unseren Tag am Meer fort. Und unser Gespräch. Übers Leben und seine Läufte. Über Niederlagen und deren Früchte. Über Erkenntnisse und Entscheidungen. Über Tanz und Theater. Über Pädagogik und gesunden Menschenverstand. Über buddhistische Mönche und Beppo Straßenkehrer. Und darüber, dass Wachsen nicht dasselbe ist wie Großwerden.

Die Zeit, die Schritte und den Weg vergessen wir dabei irgendwie. Fast zu plötzlich sind wir da. Vielmehr: Wir sind schon zu weit gegangen. Ein Fischer raunt uns zu, dass Ahrenshoop schon fast hinter uns liegt. Also schnell auf die Düne rauf – Zugang Nr. 6 – Treffpunkt. Ein Auto hält. Ihr Mann. Wir fahren zu einem gemütlichen Café, trinken ein Lübzer, bevor er unser Gefährt noch drei neblige Stunden lang durch die mecklenburgische Nacht gen Wanzka navigiert…

 

 

Die Verneigung vor dem Herrn

Neustrelitz. – An alle Schauspieler, mit denen ich bisher auf der Bühne stand oder die in meinen Regie-Projekten dabei waren – und ganz besonders an Halice ;-): Schade, dass ihr Zaza nicht beim Verbeugen nach “La Cage au Folle – ein Käfig voller Narren” im Landestheater Neustrelitz erlebt habt. Ihr hättet endlich eine Ahnung davon, was ich versucht hab, euch zu vermitteln. Das war eine Verbeugung! Verbeugung? Was sag ich da? Nein, das war eine Verneigung, eine Verneigung so was von vor dem Herrn! In der Rolle bleibend, bedächtig im Ablauf, bestimmt in der Bewegung, das Publikum wahrnehmend, den Applaus genießend, den Blickkontakt wahrend. Ich könnt’ ewig so weiterschwelgen.

Doch ihr fragt euch jetzt: Neustrelitz? Liegt das jetzt auch in Aachzig? Yes. Irgendwie. Ich hab das Bloggen für mich entdeckt und schreib’ jetzt einfach alles hier rein, was mir auf meinen Reisen so in den Sinn kommt; mach also einen Reiseblog draus. Dieses Wochenende besuch’ ich Freunde im mecklenburgischen Nirgendwo. Oder habt ihr schon einmal etwas von “Wanzka” gehört? Das liegt in der Nähe von Neustrelitz. Morgen geht’s gemeinsam an die Ostsee…