Bernkastel-Kues. – Ich hab geträumt, die deutsche Nationalelf habe bei der EM gegen Albanien in einem Grottenkick 0:2 verloren. Schweinsteiger ein Totalausfall, rote Karte für Mesut. Im Traum liegt die Zeit, als Deutschland gegen Holland wie Holland spielte, nur erfolgreicher (das wahnsinnige 3:0 im November 2011), ein gefühltes Jahrzehnt zurück. Wir Fans auf der Fernsehcouch ärgern uns über Uninspiriertheit à la Ribbeck und Rumpelfußball schlimmer als damals unter Rudi. Noch ob des Alptraums betäubt, tapere ich von der Schlafcouch in die Designerdusche. Ich realisiere unter dem Wasserstrahl zu meinem Glück, dass Albanien ja gar nicht in Polen und der Ukraine dabei ist, Holland aber wohl. Puh, Schwein gehabt.
Ein Weißwurst-Frühstück erwartet mich. Raphaels perfekte Gastgeberschaft hält an. Noch eine Quizshow auf seiner Playstation verzockt, dann fährt er mich aufs Kueser Plateau. Nicht ohne mir zum Abschied noch eine Flasche Moselrosé aus dem Weingut seines Onkels zu schenken… Im Ernst: Eine bessere Ersterfahrung beim Couchsurfing hätte ich mir nicht wünschen können. Wir sind uns sicher, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist, dass wir uns sehen.
Auf dem Plateau angekommen, erwartet mich schon meine Mutter. Sie ist in Kues nach einer Knie-OP zur Reha. Mit dem Bus geht’s gemeinsam wieder runter nach Bernkastel. Und jetzt tritt der Effekt ein, den ich auf meinen Reisen in vielen Städten erlebt habe: Nach einem Tag in der neuen Stadt bin ich, selber Tourist, schon Tourist Guide. So war’s in Berlin (wo ich der Japanerin Insidertipps abseits von Brandenburger Tor und Holocaust-Mahnmal gab), in Garmisch (wo ich Rucksacktouristen den essenziellen Unterschied zwischen Garmisch und Partenkirchen erläuterte) und in Augsburg (wo ich Groundhoppern den Weg zum Stadion erklärte). Nur in Düren wird mir das nie gelingen. Warum auch immer, dort verliere ich regelmäßig die Orientierung – und zwar komplett.
Nicht so in Bernkastel. Das ist dort aber auch nicht so schwer – die paar Gassen und Fachwerkhäuser, die ich am Vorabend bereits gesehen habe, sind tatsächlich alles. Mehr Bernkastel dahinter gibt es nicht. Umso erstaunlicher, dass dieses Dörfchen mal eine Stadtmauer mit acht Stadttoren hatte. Bei zurzeit 1087 Einwohnern entspräche das umgerechnet auf Aachen: 400 Stadttore hätte es rund um den Alleenring geben müssen! Es waren aber nur elf.
Die Grundsehenswürdigkeiten – das Spitzhäuschen, den Doctorbrunnen, das Adventskalenderhaus, die Pfarrkirche St. Michael – kannte meine Mutter bereits. Doch ich konnte ihr dank Raphaels Privatführung auch noch die eine oder andere kulinarische Empfehlung geben. Abschluss im Café K. Danach geht’s vom Kueser Forum aus für meine Mutter zurück aufs Plateau und für mich wieder gen Aachen.
Zuerst hab ich Pech: Der im Plan ausgesuchte Bus ist gar kein Bus, sondern ein Anruflinientaxi. Also noch ne Dreiviertelstunde Füße vertreten. Dafür ist der Bus dann von der DB – die Bahncard gilt auch hier! Am Bahnhof in Wittlich druck’ ich mir am Automaten die Verbindung aus. Nehme aber eine frühere Regionalbahn als angezeigt, erreiche dadurch in Koblenz den deutlich verspäteten Eurocity. Kann so in Köln die S-Bahn nehmen, auf die in Düren am selben Bahnsteig die Euregiobahn wartet. Hihi, ich bin schneller am Ziel in Rothe Erde als der Computer errechnet hat! Okay, sechs Minuten. Aber immerhin.