Verflucht, Sacramento, Dolores…

Aachen. – Unterwegs auf einem Botengang in meiner Heimatstadt, von Felix bei der COOL.CULTURE.-Dernière einst gar nicht so liebevoll mit “Trashweiler” besungen. In der Fußgängerzone treffe ich Ira, die mich anspricht, ob ich denn nun auch von diesem Aufenthalt in “der Weltstadt Eschweiler” bloggen werde. Werde ich. Aber nur ein bisschen, denn Eischwiele wird zu Fastelovendszeiten an dieser Stelle bestimmt mehr als gewürdigt werden… Eins vorweg: Die Stadt definiert sich vor allem über den Karneval. Wir haben den drittgrößten Rosenmontagszug Deutschlands, damit ihr’s wisst! Und das bei lächerlichen gut 50.000 Einwohnern. Köln, Mainz, Eschweiler. Zugegeben, so unrecht hatte Felix nicht: Wir Ureinwohner entwickeln beinah automatisch einen Hang zu Partyrock, Schlager und Bad Taste – Trashweiler eben. Wenn’s um Textsicherheit bei solchem Lied”gut” geht, bin ich gegenüber Nicht-Eschweilern eindeutig im Vorteil!

Später am Abend dann das Weihnachtstreffen der Marketingfreunde Aachen – ein monatlicher Stammtisch von marketingaffinen Unternehmen. Seit vergangenem Jahr wird gewichtelt. Was früher für mich ein Graus war, ist nunmehr ein unterhaltungsgesellschaftlicher Gipfel. Denn: Wir wichteln richtig. Und zwar Schrott. Schrottwichteln geht so: Jeder bringt ein schön weihnachtliches verpacktes Geschenk im Wert um die fünf Euro mit – unbrauchbar, hässlich, sinnlos -, das er am Eingang in die große Geschenkkiste legt. Dann kommt der Weihnachtsengel ins Spiel. Am besten jemanden mit blondem, wallendem Haar. Bei uns ist das Ingrid. Sie holt nun nach und nach die Geschenke aus der Kiste und übergibt sie einem Glücklichen ihrer Wahl, der sich nach dem Auspacken gefälligst (!) zu freuen hat – es ist ja ein Geschenk. So. Das war Runde 1. Jetzt kommt die entscheidende Runde 2: Petra bringt Würfel und Eieruhr mit, stellt letztere auf eine allen anderen unbekannte Dauer ein – los geht’s. Reihum wird gewürfelt, was das Zeug hält. Hat man eine Sechs erwürfelt, MUSS man seinen Wichtel tauschen. Das große Hin und Her führt zu kuriosen Begehrlichkeiten, ungeahnten Seilschaften, Schadenfreude und großer Verzweiflung. Heute komme ich zunächst in den Besitz eines digitalen Countdownzählers, dann verliere ich ihn gegen eine blaue Weihnachtsmannmütze mit so viel Glitter, dass ich glänze. Nach der mehrfachen Rückeroberung des Countdownteils landet schlussendlich eine schneckenförmige Spardose mit 1-Euro-Schokomünze bei mir. Die Eieruhr klingelt. Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist Aus. Ich fühle mich wie Ungarn 1954, bin aber offensichtlich so sympathisch enttäuscht, dass Xenia von sich aus mit mir freiwillig tauscht (mit jedem Geschenk darf man ja machen, was man will). So schließe ich letzten Endes doch den Countdowner in meine Arme und probiere ihn sofort aus. Man stellt z. B. das Datum ein, an dem der 1. FC Köln definitiv das nächste mal Meister wird, schon zählt das Teil Jahre, Tage, Stunden und Minuten runter… Weitere Schmuckwichtel, die im Angebot waren (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): eine Hello-Kitty-Maltafel, eine Lila-Kuh-Umhängetasche, ein Wörterbuch “Deutsch-Chef, Chef-Deutsch”, ein Sushi-Set, zwei Dekoesel (es können auch Rehe gewesen sein), zwei Porzellan-Salzstreuer in – jahreszeitlich passend – Hühnerform, ein Kleiderbügel aus Schneebesen, ein roter Holzdrache mit dem eingravierten Namen “Horst” und – jetzt kommt der ultimative Trash – eine Heino-CD! Pascal war offensichtlich so davon angetan, dass er sie partout ebenfalls ausprobieren musste. Böse Zungen behaupten, er sei sogar von anderen aus der Truppe dazu gedrängt worden. Also wandert die CD in den Mac und schon geht die “Party” los. Dass ich das noch erleben darf! Zwanzig Businessleute singen lautstark und mit viel Pathos Trash. Wie im Karneval. Am Anfang dachten einige noch, es komme darauf an, möglichst zu verbergen, den Text nicht zu kennen. Doch spätestens als alle – auf den flugs herbeigeholten Percussioninstrumenten trommelnd – die Strophen von “Karamba, Karacho, ein Whisky” nur so trällern, wird klar: Wer den Text kann, ist klar im Vorteil. Wir können ihn alle. Verflucht, Sacramento, Dolores – und alles ist wieder hin! Zumindest mein Textsicherheitsvorsprung :-(

Es gibt keine kleinen Gegner mehr

Eschweiler. – Jogi Löw ist ja bekanntlich mein verlängerter Fußballphilosophenarm. Schon vor ihm war mir bewusst, wie variabel das Spiel der Nationalmannschaft ohne Ballack sein wird. Mesuts Stern habe ich vor ihm – und auch vor José Mourinho – aufgehen sehen und im Frühjahr 2010 zum Spieler des kommenden Jahrzehnts ernannt. Auch die taktischen Formationen, die Jogi im Spiel in der Ukraine testete, hatte ich alle schon im Geiste durchgespielt. Kurzum: Ich bin rundum zufrieden mit dem Bundestrainer!

Bis heute. Eingefallene Wangen. Starrer Blick. Nervöse Stifthaltung. Ratlos sitzt er nach der Auslosung im Zuschauersessel des Kunstpalasts Ukraina. Portugal, Holland, Dänemark. Hammergruppe. Jogi, denk’ ich auf der TV-Couch in Dürwiß, was ist da los? Besser konnte es doch gar nicht kommen! Klar, die Kommentatoren reden vom Verlust des Losglücks, aber die haben ja eh keine Ahnung und dich wie mich nie wirklich interessiert. Aber dass du, Jogi, dir nun auch vor Angst in die Hosen machst, das hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten! Jogi, überleg doch: So geil wie meine Jungs grad spielen, können sie doch nur noch mit fetten Gegnern motiviert werden! Stell dir vor, es wäre Gruppe A mit Polen, Tschechien und Griechenland geworden – die Jungs wären doch vor Lachen umgefallen, hätten sich entweder dabei lebenslang verletzt oder doch wieder kurz berappelt, nur um in Größenwahn zu verfallen. Du weißt doch: Es gibt keine kleinen Gegner mehr! Aber wissen das auch Mesut, Basti, Manu und Poldi? Von Toni, Holger und Sami ganz zu schweigen!

Während ich immer noch fassungslos auf Jogi im Bildschirmzentrum schaue, erhebt er sich – um Fassung ringend (!) – aus seinem Sessel. Jetzt wird’s ernst – er muss zum Interview. Stellung beziehen. Was kann ich tun? Was soll ich tun? Schnell. Mein Handy-Akku ist leer. Bei Facebook ist er nicht. Und selbst ein Telegramm würde zu lange dauern. Ruhig, Thomas, ruhig. Tief durchatmen. Konzentrier dich. Konzentration! Jetzt! Schau auf Jogi, er ist dein verlängerter Arm! Mach das, was immer geklappt hat – telepathier einen Trojaner in sein Betriebssystem. Die Hände an die Schläfen. Die Gehirne synchronisieren. Ich hab ihn – ich hab ihn! Jetzt ganz ruhig: Traumlos, Jogi, das ist unser Traumlos!

Gemessenen Schrittes schreitet Jogi zum Interview. Puh, geschafft. Gerade noch so.