Wir sind hier nicht bei “Wünsch dir was”!

Kerkrade. – Heute geht’s mit dem Bus nach Herzogenrath an die holländische Grenze. Die Bahncard 100 gilt bis zur Stadtgrenze Aachen, also ist Preisstufe 2 nicht nötig. Ich benötige nur ein Ticket ab Stadtgrenze nach Herzogenrath. Der Busfahrer sagt: “Ja, ich muss Ihnen leider Preisstufe 1 berechnen. Kurzstrecke geht nicht. Sorry.” Ich meine, er müsse sich nicht entschuldigen, und dass ich nicht erwartet hätte, dass er mir ein Kurzstreckenticket verkauft, obwohl ich Preisstufe 1 benötige. Darauf er: “Ja, aber ich seh ja, was Sie da für ein Ticket haben!” Das ist schon cool mit dieser Black Mamba, wie Harald Schmidt die Bahncard 100 nennt, weil alle davor strammstehen. Selbst wenn – wie heute im Bus – die Tatsache, dass ich dieses Ticket besitze, überhaupt keine Rolle spielt. Der Busfahrer war so beeindruckt, dass er mir liebend gerne einen weiteren Rabatt eingeräumt hätte. Der Teufel scheißt echt immer auf den dicksten Haufen…

Steige am Kohlberg aus, gehe am Mediamarkt vorbei Richtung Neustraße/Nieuwstraat. Am Schrägstrich zu erkennen: Auf der einen Straßenseite ist Deutschland, auf der anderen sind die Niederlande. Früher gab’s hier in der Mitte ein kleines Mäuerchen, das die Grenze markierte. Dies konnten selbst Kinder bequem überspringen, was man eigentlich nicht durfte. Es gab ein paar offizielle Fußgängerübergänge, die wiederum nur von Anwohnern mit spezieller Genehmigung passiert werden durften. Wir anderen mussten die offiziellen Grenzübergänge mit Zollhäuschen nutzen. Gibt’s dank Schengen alles nicht mehr. Kein Mäuerchen – einfach eine Straße. Den Unterschied erkennt man nur noch an den unterschiedlichen Verkehrsschildern… Ich überquere also die imaginäre Grenze – selbst mein Handy meldet sich nicht mehr mit “Welkom in Nederland.” Ein paar hundert Meter weiter in Kerkrade wohnt Klaus, Regiekollege und Freund.

Ihn kenne ich seit dem 2000-er Projekt “Turandot” auf der Burg Frankenberg. Nach meinem ersten Inszenierungsversuch – ich hatte die Regie für “Ein idealer Gatte” im Lauf der Produktion übernommen – ein Jahr vorher wollte ich mich doch wieder lieber der Schauspielerei widmen. Ich durfte den Prinz Kalaf geben, einen heruntergekommen Prinzen, der sich in Turandot verliebt – aber für die Verlobung drei Rätsel lösen muss. Was ihm auch gelingt. Doch Klaus inszenierte ein Ende, das durchaus kein wirkliches Happy Ending war. Überhaupt entdeckte ich mehr und mehr, dass er Regie anders verstand als es mein Ensemble zuvor von mir erwartet hatte. “Proben kommt von Probieren”, sagte er immer. Keine starren Regieanweisungen, die die Schauspieler zu Erfüllungsgehilfen und Marionetten machen. Spätestens ein Jahr später, bei der szenischen Lesung von Anne Frank (siehe auch Jedem das Seine vom 20.11.11), war der Groschen bei mir gefallen. Ich wollte wieder Regie machen. Noch eine Produktion mit ihm (“Mirandolina” 2002), dann startete ich im Sommer 2003 meine erste “echte” Regiearbeit. COOL.CULTURE. vom Aachener Autor Wolfgang Vincke hatte im Herbst 2004 Welturaufführung…

Seit dem Ende von “Mirandolina” entstand eine sehr bereichernde Freundschaft zu Klaus. Den Startschuss gab die “Party des Jahrhunderts” (Andrea Berg, Joe Cocker und Marilyn Monroe bis zum Abwinken) zu seinem 60. Geburtstag 2002, damals noch in Laurensberg. Seither treffen wir uns immer wieder zu stundenlangen (zu Doris’ Leidwesen auch manchmal nächstelangen) Gesprächen, Fachsimpeleien. Heute ist es erst 11 Uhr vormittags, und ich muss nachher noch einmal in die Agentur, um meine Lieblingstexte (Rechnungen) zu schreiben. Von daher sind’s diesmal nur “kurze und schmerzlose” drei Stunden auf der Wohnzimmercouch. Wieder geht’s um Theater, klar. Klaus arbeitet zurzeit mit seiner Truppe an einer Moritat. Ich selbst stehe kurz vor dem Beginn meiner Arbeit mit dem Theater Bühne Frei aus Stolberg, bei der in einer Vorphase noch das Stück festgelegt wird, das meine neue Truppe auf die Bühne bringen soll. Aber, wie immer, geht’s auch um Persönliches. Ich erzähle ihm, dass ich übermorgen zeitweise nach Leipzig, seine Geburtsstadt, ziehen werde. Ich erzähle von meinem Bahncard-Jahr, von den Entwicklungen, Entscheidungen und Veränderungen, die es mit sich bringt. Ich denke, ich gehe nicht zu weit, wenn ich ihn als “väterlichen Freund” bezeichne. Auch wenn er das nicht so gern hören wird. Ein wenig ringt er sich denn auch dazu durch, mir zu sagen, dass er eine Beobachtung gemacht hat: “Das hört sich blöd an, aber ich glaube, du wirst erwachsener.” Und ich sitze mit meinen vierzig Jahren da und freue mich über diese seine Analyse! Er hat recht. Wo ich früher sehnsuchtsvoll geträumt habe, mache ich nun Nägel mit Köpfen und lebe mein Leben: Agenturchef, Theaterregisseur und Reiseblogger. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!

Doris kommt von der Arbeit nach Hause, hört einen Gesprächsfetzen und kommentiert in ihrer liebevoll-derben Art: “Wir sind hier nicht bei ‘Wünsch dir was’, sondern bei ‘So isses’!” Ich denke: “Doch. So isses.”