Karli, die Soße

Leipzig. – Ihr werdet es gemerkt haben: In den vergangenen Tagen hab’ ich mein Viertel hier in Leipzig kaum verlassen. Warum auch? Die Südvorstadt, speziell die Karli, bietet einfach alles. Geschäfte, Flair, Szene, Frühstück von 9 bis 16 Uhr und ein echtes Eldorado textlicher Ergüsse.

Das Einzige, was man tun muss, ist: in die Kneipen und Restaurants gehen und sich die Menükarten geben lassen. Na gut, man muss die dann auch noch lesen, sonst hat man nichts davon. Die Menükartenverfasser sind nämlich wie die Ladenbenenner allesamt sehr, sehr einfallsreiche Menschen hier!

Wir fahren mit der Tramlinie 10 oder 11 bis zur Karl-Lehmann-Straße, gehen ein Stück Richtung Connewitz und nehmen dann unser Frühstück im “Hotel Seeblick” kurz hinter dem Heinrich-Schütz-Platz ein. Dort haben wir die Wahl zwischen “Hotel Mama” (mit ungarischer Salami), “Hotel Papa” (mit schwarzwälder Schinken) oder “Hotel Sjøblikk” (mit Lachs und Forelle). Ihr wisst ja: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages! Den Rest dieses Tages können wir dann gemütlich die Karli wieder runterschlendern. Den Vormittag verbringen wir in der “Buchhandlung Universum”, in der wir uns im Antiquariat verirren, obwohl es nur fünf Regalmeter misst. Mit prall gefülltem Rucksack geht’s dann weiter Richtung “Café Puschkin” an der Ecke Alfred-Kästner-Straße. Mittagessen. Hier entscheiden wir uns für die Menüfolge “Chiliebtmich”, “Enteweder oder” und zum Abschluss “Schweine nicht, wenn der Regen fällt”. Weiter geht’s gen Norden. Die “Schnitzeljagd” passieren wir. Denn, liebe Karli, die Soße hier ist einfach zu dünn! An der “Feinkost” machen wir einen Abstecher in den Hinterhof. Wir kaufen uns im “Fußgänger” selbstredend ein Paar Maßschuhe, gerne auch ein paar, wie ihr wollt. Außerdem berauschen wir uns in der “Kräutermeise”, staffieren uns mit 2nd Hand oder “The famous Potatoes” im “Mrs. Hippie” aus, nur um das “Absturz” doch noch links liegen zu lassen. Kein Bier vor vier! Der echte Existenzialist nimmt lieber Ecke Shakespearestraße in der “La Boum” (hach, die Fete) einen “Kellnerkaffee” ein, ehe er sich ein Tagebuch der Marke “Leuchtturm” bei “Mein RothStift” holt, damit sein Füllfederhalter im “Café Waldi” Ecke Münzgasse auch etwas zu füllen hat. Dort angekommen, wählt er sein Abendbrot. Dafür kommen gleich mehrere Ansichten über das Leben in Betracht: “Er kam, sah und ziegte”, “Peas on Earth” oder “Hin und veg”. Er entscheidet sich natürlich für “Gans oder gar nicht”. Und als Absacker für “Kais Pflaume”.

4 Pils bekommen – 1 bezahlt. Trotzdem teuer heute! Morgen fährt er lieber nach Köln ins Café Bauturm auf der Aachener Straße. Da gibt’s “Frühstück, existenzialistisch”: 1 Kaffee, 1 Roth Händle für zwozwanzig.

Warum suchst du einen Grund?

Leipzig. – Hmm. Heute sammle ich Zitate. Einfach so.

– “Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr” (Rilke; Mareike)
– “Füllen Sie Ihre Tage mit Leben und nicht Ihr Leben mit Tagen!” (Precht)
– “Warum suchst du einen Grund, wenn es wahrscheinlich mehrere gibt?” (Max Hollander)
– “Das Bedürfnis nach Liebe entspringt dabei einer bestimmten Art des Selbstverständnisses. Je weniger der Mensch durch einen festen Rahmen der Gesellschaft bestimmt und an einen Ort gestellt wird, umso stärker sein Bedürfnis danach, sich selbst als etwas Besonderes zu fühlen – als Individuum. Doch moderne Gesellschaften machen es dem Individuum nicht leicht. Sie zerfallen in lauter einzelne Systeme, autopoietische Welten, die nur eine Sorge haben: die Fortsetzung des Systems zu sichern. […] Viel Platz für Individuen bleibt da nicht. […] Der einzelne Mensch zerreißt sich heute in lauter Teilbereichen. […] Eine einheitliche Identität bildet sich auf diese Weise nur schwer. Was fehlt, ist eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt, eben als Individuum. Diese ‘Selbstdarstellung’ leistet […] die Liebe – das ist ihre Funktion. […] Liebe ist demach die ganz normale Unwahrscheinlichkeit, ‘im Glück des anderen sein eigenes Glück zu finden.'” (wieder Precht, der wiederum Luhmann zitiert)
– “‘Stadt’ als Chiffre der Hoffnungslosigkeit in der expressionistischen Lyrik” (Wikipedia)
– “Lege nicht alle Eier in dasselbe Nest.” (Café Waldi)
– “Wenn die Menschen blind wären, würden sie einem Menschen glauben, der behauptet, er könne sehen?” (ich)
– “Ich bin vom Aussterben bedroht!” (Oskar)
– “Gibt es das: Ein Unbewusstes, das rebelliert, weil das Bewusste zu wenig geistige Nahrung bekommt?” (wieder ich)
– “Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.” (Wilhelm Wieben)

Warum suchst du einen Grund, wenn es wahrscheinlich mehrere gibt?

The Limits of Control

Leipzig. – Schlafen. Wälzen. Aufwachen. Räkeln. Pinkeln. Kaffeekochen. Riechen. Korrespondieren. Bloggen. Duschen. Abtrocknen. Zähneputzen. Lesen. Denken. Surfen. Schreiben. Frühstücken. Lesen. Notieren. Brainstormen. Entwerfen. Anziehen. Sitzen. Verwerfen. Recherchieren. Analysieren. Einkaufen. Aufräumen. Verbinden. Inszenieren. Erinnern. Gehen. Telefonieren. Synthetisieren. Suchen. Fragen. Essen. Hören. Lauschen. Schauen. Spazieren. Spüren. Kopfzerbrechen. Rauchen. Schmecken. Reden. Gähnen. Vorstellen. Träumen. Sortieren. Trinken. Fantasieren. Schubladenöffnen. Grübeln. Liegen. Durchstreichen. Assoziieren. Überlegen. Graben. Reisen. Wachen. Und das alles, weil mir dieser Filmtitel nicht einfällt. Einfallen. Ausziehen. Hinlegen. Rumdrehen. Schlafen.

Ich gestehe: Ich habe den Rubikon überschritten!

Leipzig. – So, es ist an der Zeit, mich einmal in die aktuelle Politdebatte einzumengen. Ich lese im Netz, für Christian und seine Frau habe der Kai von der Bild den Rubikon überschritten. Kommentare hingegen gehen vom Gegenteil aus: Christian habe selbst den Rubikon überschritten. Den bitte was? Ich kannte bislang die Rubriken. Aber die kann man höchstens überschreiben, nicht -ten.

Also Brainstorming: Was hat der Christian überschritten? Klar: seinen Zenit. Und der Kai? Klar: die Grenzen. Er war halt grad im Ausland, da geht das nicht ohne. Aber der macht das sowieso immer – bildhaft. Was soll also die plötzliche Aufregung! Beide Überlegungen führen mich nicht weiter: Was kann man sonst noch so überschreiten? Hmm. Den Jordan! Ach nein. Das war Jopie.

Bevor ich eine Mindmap zeichne, werfe ich lieber mal schnell das Netz aus, Quatsch: das Net an. Kann ich ja gleich mitrecherchieren, was das Sprichwort “Da wird der Hund in der Pfanne verrückt” bedeutet – bei “Wer wird Millionär” bin ich mal an der 100-Mark-Frage gescheitert! Ich tippe: “Rubikon”. Mein Browser braust. Also doch: ein Fluss. Aber Italien. Römisches Reich. Gallia cisalpina. Mhm. Cäsar. Über den Grenzfluss. Bürgerkrieg. Zack: Sieg. “Den Rubikon überschreiten” heißt: “einen entscheidenden Schritt tun, den man nicht mehr rückgängig machen kann”. Ach so. Macht der Christian jetzt also auch auf intellektuell wie unser ζῷον πολιτικόν Karl-Theodor, der alte Lateiner! Sagt das doch gleich, liebe Medien.

Was regt ihr euch so auf, lieber Christian, lieber Kai? Streitet euch nicht. Ich war’s! Ich habe den Rubikon überschritten.

Die Kunst des negativen Denkens

Leipzig. – So ein Mist! Da fabuliere ich gestern in meinem “Jahresrückblick 2012″, haha, über meine Freiheit. Und was passiert heute? Zuerst schlafe ich ganz unfreiwillig auf der Rückfahrt von der Silvestersause im Neuen Schauspiel Leipzig in der Tram ein. Wache irgendwo im Nirgendwo an einer Haltestelle mit dem Namen Prager/Russenstraße auf. Völlig falsche Ecke! Verdammt. Wo bin ich? Osteuropa? Erst einmal raus, LVB-Netzplan studieren. Warten auf die Tram in Gegenrichtung. Eine geschlagene halbe Stunde vergeht. Dann kommt sie endlich. Jetzt bloß nicht wieder einschlafen! Mein Körper will das aber. Also muss ich ihn unfreiwillig wachhalten… Gegen seinen Willen gelingt das auch, sodass ich diesmal den rechten Weg finde und ins Bett sinken kann.

Mein Verstand wiederum wollte früh raus, hatte deswegen verständlicherweise den Wecker gestellt. Doch meine Ohren scheinen taub, hören ihn nicht. Sie führen meinen freien Willen erneut an der Nase herum und entscheiden, dass ich erst mittags die Augen öffne. Mann, was für ein verkorkster Start in den Tag! Meinem Verstand fehlt das Verständnis.

Nach dem Kaffee ein neues Dilemma: Ich wollte den Precht weiterlesen und danach zur Führung “Neujahrsspaziergang über den Südfriedhof” gehen. Doch dafür reicht jetzt die Zeit nicht mehr! Verflixt und zugenäht. Ich entscheide mich freiwillig, eine Münze zu werfen, lasse das Schicksal entscheiden: Precht. Hätte ich das mal nicht getan! Denn was erwartet mich da? Das Kapitel zum Thema Freiheit! Zuerst freue ich mich noch. Doch dann: “Man kann also sagen: Ja, wir sind in gewisser Weise frei, denn wir bestimmen uns durchaus selbst. Diese Freiheit wird allerdings von unseren Erfahrungen eingeschränkt. Wir sind umzingelt von unserer eigenen Lebensgeschichte. Der Mensch ist sein eigener Rahmen.” Wie jetzt? Komme ich da nicht raus? Kann ich den Rahmen gar nicht sprengen? Der nächste Fluch kommt über meine Lippen. Schmeiße das Buch in die Ecke. Koche mir einen zweiten Kaffee und verbrenne mir die Lippen. Mir geht es echt beschissen!

Verzweifelt nehme ich den Flyer von der Kinobar Prager Frühling. Passt ja wie die Faust aufs Auge: Da läuft heute “Die Kunst des negativen Denkens“. Na toll. Was soll daran denn Kunst sein? Hat Oma nicht immer dieses Buch “Die Macht des positiven Denkens” gelesen? Darum geht’s doch: Immer positiv! Und Sunny aus COOL.CULTURE. hat mit seinem ewigen Pessimismus ja auch nicht wirklich was erreicht. Dieser Du-schaffst-es-du-kannst-es-Poser aber leider auch nicht! Oh Mann, erreichen jetzt weder der Pessimist noch der Optimist irgendwas? Wie negativ ist das eigentlich alles heute?

Also gut, wenn’s schon mal soweit ist: Geh’ ich halt ins Kino und lass mich mal von diesem Geirr in der Kunst des negativen Denkens unterweisen. Aber was will der mir schon beibringen!