The Limits of Control

Leipzig. – Schlafen. Wälzen. Aufwachen. Räkeln. Pinkeln. Kaffeekochen. Riechen. Korrespondieren. Bloggen. Duschen. Abtrocknen. Zähneputzen. Lesen. Denken. Surfen. Schreiben. Frühstücken. Lesen. Notieren. Brainstormen. Entwerfen. Anziehen. Sitzen. Verwerfen. Recherchieren. Analysieren. Einkaufen. Aufräumen. Verbinden. Inszenieren. Erinnern. Gehen. Telefonieren. Synthetisieren. Suchen. Fragen. Essen. Hören. Lauschen. Schauen. Spazieren. Spüren. Kopfzerbrechen. Rauchen. Schmecken. Reden. Gähnen. Vorstellen. Träumen. Sortieren. Trinken. Fantasieren. Schubladenöffnen. Grübeln. Liegen. Durchstreichen. Assoziieren. Überlegen. Graben. Reisen. Wachen. Und das alles, weil mir dieser Filmtitel nicht einfällt. Einfallen. Ausziehen. Hinlegen. Rumdrehen. Schlafen.

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Umzug

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Karli, die Soße

Leipzig. – Ihr werdet es gemerkt haben: In den vergangenen Tagen hab’ ich mein Viertel hier in Leipzig kaum verlassen. Warum auch? Die Südvorstadt, speziell die Karli, bietet einfach alles. Geschäfte, Flair, Szene, Frühstück von 9 bis 16 Uhr und ein echtes Eldorado textlicher Ergüsse.

Das Einzige, was man tun muss, ist: in die Kneipen und Restaurants gehen und sich die Menükarten geben lassen. Na gut, man muss die dann auch noch lesen, sonst hat man nichts davon. Die Menükartenverfasser sind nämlich wie die Ladenbenenner allesamt sehr, sehr einfallsreiche Menschen hier!

Wir fahren mit der Tramlinie 10 oder 11 bis zur Karl-Lehmann-Straße, gehen ein Stück Richtung Connewitz und nehmen dann unser Frühstück im “Hotel Seeblick” kurz hinter dem Heinrich-Schütz-Platz ein. Dort haben wir die Wahl zwischen “Hotel Mama” (mit ungarischer Salami), “Hotel Papa” (mit schwarzwälder Schinken) oder “Hotel Sjøblikk” (mit Lachs und Forelle). Ihr wisst ja: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages! Den Rest dieses Tages können wir dann gemütlich die Karli wieder runterschlendern. Den Vormittag verbringen wir in der “Buchhandlung Universum”, in der wir uns im Antiquariat verirren, obwohl es nur fünf Regalmeter misst. Mit prall gefülltem Rucksack geht’s dann weiter Richtung “Café Puschkin” an der Ecke Alfred-Kästner-Straße. Mittagessen. Hier entscheiden wir uns für die Menüfolge “Chiliebtmich”, “Enteweder oder” und zum Abschluss “Schweine nicht, wenn der Regen fällt”. Weiter geht’s gen Norden. Die “Schnitzeljagd” passieren wir. Denn, liebe Karli, die Soße hier ist einfach zu dünn! An der “Feinkost” machen wir einen Abstecher in den Hinterhof. Wir kaufen uns im “Fußgänger” selbstredend ein Paar Maßschuhe, gerne auch ein paar, wie ihr wollt. Außerdem berauschen wir uns in der “Kräutermeise”, staffieren uns mit 2nd Hand oder “The famous Potatoes” im “Mrs. Hippie” aus, nur um das “Absturz” doch noch links liegen zu lassen. Kein Bier vor vier! Der echte Existenzialist nimmt lieber Ecke Shakespearestraße in der “La Boum” (hach, die Fete) einen “Kellnerkaffee” ein, ehe er sich ein Tagebuch der Marke “Leuchtturm” bei “Mein RothStift” holt, damit sein Füllfederhalter im “Café Waldi” Ecke Münzgasse auch etwas zu füllen hat. Dort angekommen, wählt er sein Abendbrot. Dafür kommen gleich mehrere Ansichten über das Leben in Betracht: “Er kam, sah und ziegte”, “Peas on Earth” oder “Hin und veg”. Er entscheidet sich natürlich für “Gans oder gar nicht”. Und als Absacker für “Kais Pflaume”.

4 Pils bekommen – 1 bezahlt. Trotzdem teuer heute! Morgen fährt er lieber nach Köln ins Café Bauturm auf der Aachener Straße. Da gibt’s “Frühstück, existenzialistisch”: 1 Kaffee, 1 Roth Händle für zwozwanzig.

Warum suchst du einen Grund?

Leipzig. – Hmm. Heute sammle ich Zitate. Einfach so.

- “Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr” (Rilke; Mareike)
- “Füllen Sie Ihre Tage mit Leben und nicht Ihr Leben mit Tagen!” (Precht)
- “Warum suchst du einen Grund, wenn es wahrscheinlich mehrere gibt?” (Max Hollander)
- “Das Bedürfnis nach Liebe entspringt dabei einer bestimmten Art des Selbstverständnisses. Je weniger der Mensch durch einen festen Rahmen der Gesellschaft bestimmt und an einen Ort gestellt wird, umso stärker sein Bedürfnis danach, sich selbst als etwas Besonderes zu fühlen – als Individuum. Doch moderne Gesellschaften machen es dem Individuum nicht leicht. Sie zerfallen in lauter einzelne Systeme, autopoietische Welten, die nur eine Sorge haben: die Fortsetzung des Systems zu sichern. [...] Viel Platz für Individuen bleibt da nicht. [...] Der einzelne Mensch zerreißt sich heute in lauter Teilbereichen. [...] Eine einheitliche Identität bildet sich auf diese Weise nur schwer. Was fehlt, ist eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt, eben als Individuum. Diese ‘Selbstdarstellung’ leistet [...] die Liebe – das ist ihre Funktion. [...] Liebe ist demach die ganz normale Unwahrscheinlichkeit, ‘im Glück des anderen sein eigenes Glück zu finden.’” (wieder Precht, der wiederum Luhmann zitiert)
- “‘Stadt’ als Chiffre der Hoffnungslosigkeit in der expressionistischen Lyrik” (Wikipedia)
- “Lege nicht alle Eier in dasselbe Nest.” (Café Waldi)
- “Wenn die Menschen blind wären, würden sie einem Menschen glauben, der behauptet, er könne sehen?” (ich)
- “Ich bin vom Aussterben bedroht!” (Oskar)
- “Gibt es das: Ein Unbewusstes, das rebelliert, weil das Bewusste zu wenig geistige Nahrung bekommt?” (wieder ich)
- “Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.” (Wilhelm Wieben)

Warum suchst du einen Grund, wenn es wahrscheinlich mehrere gibt?

The Limits of Control

Leipzig. – Schlafen. Wälzen. Aufwachen. Räkeln. Pinkeln. Kaffeekochen. Riechen. Korrespondieren. Bloggen. Duschen. Abtrocknen. Zähneputzen. Lesen. Denken. Surfen. Schreiben. Frühstücken. Lesen. Notieren. Brainstormen. Entwerfen. Anziehen. Sitzen. Verwerfen. Recherchieren. Analysieren. Einkaufen. Aufräumen. Verbinden. Inszenieren. Erinnern. Gehen. Telefonieren. Synthetisieren. Suchen. Fragen. Essen. Hören. Lauschen. Schauen. Spazieren. Spüren. Kopfzerbrechen. Rauchen. Schmecken. Reden. Gähnen. Vorstellen. Träumen. Sortieren. Trinken. Fantasieren. Schubladenöffnen. Grübeln. Liegen. Durchstreichen. Assoziieren. Überlegen. Graben. Reisen. Wachen. Und das alles, weil mir dieser Filmtitel nicht einfällt. Einfallen. Ausziehen. Hinlegen. Rumdrehen. Schlafen.

Ich gestehe: Ich habe den Rubikon überschritten!

Leipzig. – So, es ist an der Zeit, mich einmal in die aktuelle Politdebatte einzumengen. Ich lese im Netz, für Christian und seine Frau habe der Kai von der Bild den Rubikon überschritten. Kommentare hingegen gehen vom Gegenteil aus: Christian habe selbst den Rubikon überschritten. Den bitte was? Ich kannte bislang die Rubriken. Aber die kann man höchstens überschreiben, nicht -ten.

Also Brainstorming: Was hat der Christian überschritten? Klar: seinen Zenit. Und der Kai? Klar: die Grenzen. Er war halt grad im Ausland, da geht das nicht ohne. Aber der macht das sowieso immer – bildhaft. Was soll also die plötzliche Aufregung! Beide Überlegungen führen mich nicht weiter: Was kann man sonst noch so überschreiten? Hmm. Den Jordan! Ach nein. Das war Jopie.

Bevor ich eine Mindmap zeichne, werfe ich lieber mal schnell das Netz aus, Quatsch: das Net an. Kann ich ja gleich mitrecherchieren, was das Sprichwort “Da wird der Hund in der Pfanne verrückt” bedeutet – bei “Wer wird Millionär” bin ich mal an der 100-Mark-Frage gescheitert! Ich tippe: “Rubikon”. Mein Browser braust. Also doch: ein Fluss. Aber Italien. Römisches Reich. Gallia cisalpina. Mhm. Cäsar. Über den Grenzfluss. Bürgerkrieg. Zack: Sieg. “Den Rubikon überschreiten” heißt: “einen entscheidenden Schritt tun, den man nicht mehr rückgängig machen kann”. Ach so. Macht der Christian jetzt also auch auf intellektuell wie unser ζῷον πολιτικόν Karl-Theodor, der alte Lateiner! Sagt das doch gleich, liebe Medien.

Was regt ihr euch so auf, lieber Christian, lieber Kai? Streitet euch nicht. Ich war’s! Ich habe den Rubikon überschritten.

Die Kunst des negativen Denkens

Leipzig. – So ein Mist! Da fabuliere ich gestern in meinem “Jahresrückblick 2012″, haha, über meine Freiheit. Und was passiert heute? Zuerst schlafe ich ganz unfreiwillig auf der Rückfahrt von der Silvestersause im Neuen Schauspiel Leipzig in der Tram ein. Wache irgendwo im Nirgendwo an einer Haltestelle mit dem Namen Prager/Russenstraße auf. Völlig falsche Ecke! Verdammt. Wo bin ich? Osteuropa? Erst einmal raus, LVB-Netzplan studieren. Warten auf die Tram in Gegenrichtung. Eine geschlagene halbe Stunde vergeht. Dann kommt sie endlich. Jetzt bloß nicht wieder einschlafen! Mein Körper will das aber. Also muss ich ihn unfreiwillig wachhalten… Gegen seinen Willen gelingt das auch, sodass ich diesmal den rechten Weg finde und ins Bett sinken kann.

Mein Verstand wiederum wollte früh raus, hatte deswegen verständlicherweise den Wecker gestellt. Doch meine Ohren scheinen taub, hören ihn nicht. Sie führen meinen freien Willen erneut an der Nase herum und entscheiden, dass ich erst mittags die Augen öffne. Mann, was für ein verkorkster Start in den Tag! Meinem Verstand fehlt das Verständnis.

Nach dem Kaffee ein neues Dilemma: Ich wollte den Precht weiterlesen und danach zur Führung “Neujahrsspaziergang über den Südfriedhof” gehen. Doch dafür reicht jetzt die Zeit nicht mehr! Verflixt und zugenäht. Ich entscheide mich freiwillig, eine Münze zu werfen, lasse das Schicksal entscheiden: Precht. Hätte ich das mal nicht getan! Denn was erwartet mich da? Das Kapitel zum Thema Freiheit! Zuerst freue ich mich noch. Doch dann: “Man kann also sagen: Ja, wir sind in gewisser Weise frei, denn wir bestimmen uns durchaus selbst. Diese Freiheit wird allerdings von unseren Erfahrungen eingeschränkt. Wir sind umzingelt von unserer eigenen Lebensgeschichte. Der Mensch ist sein eigener Rahmen.” Wie jetzt? Komme ich da nicht raus? Kann ich den Rahmen gar nicht sprengen? Der nächste Fluch kommt über meine Lippen. Schmeiße das Buch in die Ecke. Koche mir einen zweiten Kaffee und verbrenne mir die Lippen. Mir geht es echt beschissen!

Verzweifelt nehme ich den Flyer von der Kinobar Prager Frühling. Passt ja wie die Faust aufs Auge: Da läuft heute “Die Kunst des negativen Denkens“. Na toll. Was soll daran denn Kunst sein? Hat Oma nicht immer dieses Buch “Die Macht des positiven Denkens” gelesen? Darum geht’s doch: Immer positiv! Und Sunny aus COOL.CULTURE. hat mit seinem ewigen Pessimismus ja auch nicht wirklich was erreicht. Dieser Du-schaffst-es-du-kannst-es-Poser aber leider auch nicht! Oh Mann, erreichen jetzt weder der Pessimist noch der Optimist irgendwas? Wie negativ ist das eigentlich alles heute?

Also gut, wenn’s schon mal soweit ist: Geh’ ich halt ins Kino und lass mich mal von diesem Geirr in der Kunst des negativen Denkens unterweisen. Aber was will der mir schon beibringen!

Jahresrückblick 2012

Woauchimmer. – Das Jahr 2012! Wie war es? Eigentlich gar nicht so schlecht. Ein weiteres auf meinem Weg. Begonnen hatte es in Leipzig. Damals wohnte ich ja eine Zeitlang in der WG in der Riemannstraße. Eine spannende Zeit mit viel Zeit für mich. Lustig vor allem das parallele Wohnen in Aachen und Leipzig mit den vielen Zugfahrten.

Damals hatte ich wieder angefangen zu schreiben. Und das habe ich dieses Jahr echt fortgesetzt. Ganz schön was zusammen gekommen auf meinem Blog. Gut, dass ich daraus in diesem Jahr ein Buch gemacht hab. Und weitere Ideen hab ich auch schon! Stehen alle in meinem Kreativjournal…

Und die Reisen? Die sind mir noch lange nicht zu viel. Im ersten Halbjahr hab ich die Bahncard 100 noch so richtig genutzt. Aber das Tollste ist: Ich reise immer noch – auch nach Ablauf der Bahncard 100. Ein bisschen weniger zwar, aber einmal im Monat mach’ ich langes Wochenende und fahr’ durch die Welt – nun halt mit der Bahncard 50 – die Zugfahrten sind meine Lesezeit! Irgendwie erlebt man doch immer etwas Neues und manchmal kommt man in der Fremde auch zu Hause an.

Und was ist mit Theater? Hab’ ich endlich wieder gemacht. Die Arbeit mit den Stolbergern ist gut gediehen. Das Regiebuch, das ich damals in Leipzig gekauft habe, hat nun einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Und die Idee, in Leipzig zu inszenieren, war einfach verrückt. Das bin ich ja gerne. Wer weiß, was als nächstes kommt. Ich bin gespannt.

Apropos Bibliothek: Die habe ich endlich – wie in Siegen 2011 mit Steff besprochen – ausgemistet. Den ganzen geerbten Kram, den ich ohnehin nie lesen werde, verkauft, verschenkt, vernichtet. Überhaupt komme ich mittlerweile mit viel weniger Plunder aus: Der Keller ist leer, und den Fernseher vermisse ich überhaupt nicht mehr. Selbst bei der jetzt schon legendären EM im Sommer, als unsere Jungs so fabulös gegen Holland Europameister wurden, hat er mir nicht gefehlt. Es gibt ja Public Viewing, Freunde, Kneipen und den Livestream! Und Zappen war ja nicht wirklich eine guttuende Freizeitbeschäftigung.

Aber auch sonst habe ich meine Wohnsituation für mich deutlich verbessert. Nicht soviel konventioneller Schnickschnack, mehr Literaturwerkstatt – mit ausgewählten Büchern, die mich inspirieren, DVDs mit guten Filmen (meine neu entdeckte Leidenschaft – ich sag’ nur “Im Winter ein Jahr”…) und Bergen von Notizen. Mann, da hat sich ja einiges angesammelt. Nun mag ich auch wieder mein Viertel, in dem ich wohne. Freunde und Familie habe ich zwar seltener als früher gesehen – ich muss mich ja von Zeit zu Zeit ins stille Kämmerlein zurückziehen -, dafür waren die Treffen umso intensiver oder auch interessanter, z. B. die vielen gemeinsamen Kino-, Theater- oder Konzertbesuche

In der Agentur – ich arbeite ja jetzt wieder Vollzeit – läuft’s rund. Jeder kann sich noch mehr als früher auf seine Stärken konzentrieren – ich z. B. auf das Networking und die Strategieentwicklung – und hat damit mehr Platz im Kopf. Das kommt der Agentur zugute – und dem Privatleben. Es klappt also auch deshalb besser, meine Vielfalt zu leben.

Daher war’s auch seelisch ein wieder stabileres Jahr. Klar, manches war schwierig, aber: Es geht mir gut, weil ich weiß, dass es mir nicht gut gehen muss! Ich ernähre mich gesünder (okay, da ist noch weiterer Optimierungsbedarf); nur Sport mach’ ich immer noch nicht. Hab’ ich aber auch echt keine Lust drauf! Wichtiger ist, dass ich weiß, dass ich jederzeit frei bin. Dass ich mich weiter gelöst habe von vermeintlichen Hemmnissen, von den vielen falschen Gründen, Dinge, die ich tun will, dann doch besser zu lassen. Und dass ich auch 2012 noch ab und zu etwas völlig Neues gewagt habe. Das soll auch 2013 so bleiben! Ich freu’ mich auf den weiteren Weg…

Und was die Liebe 2012 angeht? Nun, dazu schweige ich mich an dieser Stelle aus. Ihr müsst ja nicht alles wissen!

Die Alte im roten Steppmantel

Leipzig. – Heute ist Waschtag. Mir ist langweilig. Während die Maschine im Bad tumb vor sich her surrt und die Spülmaschine in der Küche nicht weniger einfältige Geräusche macht, schau ich halt ein wenig aus dem Fenster. Mache ich oft hier – Langzeitkino.

So viel vorweg: Der Film betört nicht gerade durch Abwechslung – immer dieselbe Kulisse aus immer derselben Kameraperspektive. Halbrechts vom Zentrum ein dunkler Turm, der nach oben aus dem Bild verschwindet. Rechts davon das Schiff. Links vom Turm der Chor mit aufrecht sitzenden Hundestatuetten auf den Dachpfeilern. Daneben ein Schotterweg, ein Zaun, weiter links ein asphaltierter Schulhof mit Fahrradständern. Das Schulgebäude lässt sich am linken Bildrand noch erahnen. Im Hintergrund eine Häuserzeile, darüber ein Himmelsprospekt. Ganz vorne eine Straße mit den immer gleichen parkenden Autos, von der fünf Stufen zum Portal unter dem Turm hinaufführen. Das Licht schwankt zwischen taghell und stockdunkel. Meistens ist es dunkel. Dann ertönt Musik von rechts aus einem unsichtbaren Club. Danach wird’s wieder hell. Die Musik hört man immer noch. Dazu schlägt die Glocke sieben Mal – die Abstände zwischen den Schlägen ziehen sich endlos. Kurze Zeit später Fahrradklingeln, Geschrei auf dem Schulhof, ein Gong. Wieder Ruhe.

In der nun beschriebenen Sequenz kündigt das Fehlen des Gongs jedoch eine Veränderung an. Eine Handlung setzt ein. Autos rauschen vorbei. Wir lernen vier Protagonisten kennen: Eine Alte mit gelben Strümpfen. Eine junge Frau mit Fahrrad und Anhänger. Ein junger Mann mit Aktentasche. Eine Alte im roten Steppmantel. Viel mehr erfährt der Zuschauer nicht über sie. Sie bleiben namenlos. Sprachlos. Der Zuschauer bleibt in der Beobachterrolle verhaftet.

Die Alte mit den gelben Strümpfen taucht just zu der Zeit auf, in der normalerweise der Gong ertönt. Sie hat einen von diesen Einkaufswagen zum Hintersichherziehen dabei. Von links huscht sie auf dem Bordstein gehend forsch ins Bild. Der Blick des Betrachters kann ihr kaum folgen, doch da bleibt sie an den Turmstufen stehen, stellt ihr Wägelchen ab, erklimmt die Stufen. Sie verharrt einen Moment vor der rechten Eingangssäule. Dann berührt sie das Gestein mit ihrer rechten Hand. Ein paar Sekunden vergehen. Die Berührung wird aufgelöst. Sie dreht erstmalig das Gesicht zum Publikum und macht ein kurzes, konzentriertes Kreuzzeichen. Ein leises Lächeln huscht über ihre Lippen; dann greift sie beherzt ihren Einkaufswagen und setzt ihren Weg nach rechts fort. Da wird der Blick des Zuschauers aber schon auf die junge Frau gelenkt, die ganz langsam von rechts kommend auf der Straße ins Bild fährt. Sie strampelt mit verzerrtem Gesicht auf einem schwarzem Fahrrad der Marke “Elite Diamant”. Dieses zieht einen Anhänger hinter sich ins Bild, der über und über mit großen Kanthölzern beladen ist. Vor dem Turm verlangsamt sich ihre Langsamkeit weiter bis sie schließlich fast zum Stillstand kommt, obwohl sie weiter in die Pedale tritt, treten will. Doch dann: kippt sie – in Zeitlupe – Richtung Bürgersteig, wo sie sich mit dem rechten Fuß gerade noch so auffangen kann, dass Drahtesel, Hänger und Holz sie nicht unter sich begraben. Alles hat sich aber so sehr verkantet, dass sie unter den türkisfarbenen Fratzen des Portals beinah erstarrt verharrt. Ihre Lippenbewegungen lassen auf ein gesprochenes “Scheiße!” schließen. Hilfesuchend schaut sie sich um. Ihr Blick findet aber niemanden. Doch der Zuschauer bleibt beim gleichzeitigen Umherschauen am blätterlosen Gebüsch vor dem Chor hängen. Hinter den kahlen Zweigen schüttelt sich der junge Mann, schließt seine Hose, nimmt die zwischen den Füßen eingeklemmte Aktentasche und will links aus dem Bild gehen. Ein letzter Blick, ob ihn auch niemand beobachtet hat. Dabei sieht er kurz, wie die junge Frau sich wieder sortiert hat und ihre Siebensachen über den Bürgersteig schiebend balanciert. Er eilt ihr ohne einen weiteren Blick zurück links aus dem Bild voraus. Sie schiebt sich und das Gepäck hinterher. Kurze Pause. Nichts bewegt sich. Urplötzlich taucht die Alte im roten Steppmantel unter dem Portal auf. Ausgemergelt. Doch trotz ihrer fettigen Haare und den zerschlissen Beuteln strahlt sie etwas Damenhaftes aus. Würdevollen Blickes schweift ihr Blick. Hinter die Säule, die noch die Berührung der Alten mit den gelben Strümpfen atmet, in die Gosse, in der die junge Frau kurz zuvor doch nicht gelandet ist, ins Gebüsch, wo eben der junge Mann seine Markierung hinterlassen hat.

Ach, Leergut müsste auch noch weggebracht werden.